Interview mit Maria Mies

Köln, 07.09.2011, von Isabella Greif für WLOE e.V. pdf download

„Wir brauchen eine Bewegung zum Schutz unserer Mutter Erde,
nicht noch mehr Autos, mehr Handys, mehr Waffen und mehr Kriege.“



Maria Mies, 1985

 

Isabella Greif: Wir wollen in dem Interview über die sogenannten „Infobriefe“ sprechen, die du mit herausgegeben hast. Wie sind diese Infobriefe entstanden?

Maria Mies: Diese Infobriefe sind im Zusammenhang mit unserer Kampagne gegen das „Multilaterale Abkommen über Investitionen“ (MAI) entstanden. Ich hatte 1997 von einer kanadischen Freundin erfahren, dass in Kanada alle Leute gegen das „MAI“ auf die Barrikaden gingen. Wir hatten vom MAI überhaupt keine Ahnung. Sie schickte uns dann Dokumente auf Englisch und wir erfuhren, dass das MAI bedeutete, dass alle Grenzen für den freien Handel für Investitionen geöffnet werden müssten, was bedeutete, dass ausländische Konzerne das Recht haben sollten, in allen Ländern und in allen Wirtschaftsbereichen zu investieren, ohne dass die einzelnen Regierungen, diesen Handel beschränken dürften. In Kanada hatten z.B. ausländische Konzerne schon angefangen, die uralten Bäume an der Westküste zu fällen. Die Verhandlungen über das MAI fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit bei der OECD in Paris statt. Der Vertragstext lag nur in Englisch vor. Sobald wir von diesem MAI hörten, gründeten wir, einige Frauen und Männer, das Komitee: Widerstand gegen das MAI.

Unser Ziel war, die deutsche Öffentlichkeit über das MAI zu informieren und die Leute zum Widerstand auf Zurufen. Im Februar 1998 organisierten wir einen Kongress an der UNI Bonn gegen das MAI. Es war die erste öffentliche Veranstaltung zu diesem Thema in Deutschland. Zur Vorbereitung auf diesen Kongress verfassten wir einen Reader, in dem alle Informationen waren, die wir bis dahin hatten. Dieser Reader wurde zur Grundlage unseres ersten Infobriefes.

Das MAI sollte im Dezember 1998 verabschiedet werden. Doch dieses Vorhaben scheiterte, weil es, besonders in Kanada und Frankreich von vielen Menschen abgelehnt wurde. Auch unser Komitee hatte zu diesem Widerstand beigetragen.Wir wussten aber, das das Scheitern des MAI nicht das Ende der neuen, globalen Freihandelspolitik sein würde, sondern dass die großen, multinationalen Konzerne diese neoliberale Wirtschaftspolitik mit allen Mitteln durchsetzen würden. Dies geschah dann durch das „General Agreement on Trade and Tariffs“, (GATT), das später in die Welthandelsorganisation (WTO) überführt wurde. Die WTO ist das „Grundgesetz“ der neuen globalen Freihandelspolitik. Die Säulen dieser Politik sind: Globalisierung, Deregulierung, Privatisierung und universale Konkurrenz. Das bedeutet, dass alle Regierungen, die der WTO beigetreten sind, ihre Gesetze dieser  neoliberalen Wirtschaftspolitik anpassen mussten. Sie mussten z. B. Umweltgesetze, Arbeitsrecht, Öffentliche Betriebe wie Eisenbahnen und Post Finanzen, alle Dienstleistungen, Bildung und Kultur privatisieren und deregulieren (liberalisieren.) Diese neue Freihandelspolitik diente und dient vor allem den Profitinteressen der Internationalen Konzerne.Margaret Thatcher, die damalige Premierministerin Englands, hat diese neoliberale Politik als erste in Europa durchgesetzt. Sie sagte: There is No Alternative! Daraus entstand der Kürzel „TINA“ Er besagt, dass es keine Alternative zum globalen Freihandel gibt.Unser Ziel war es, die Menschen über diese neue weltweite Wirtschaftspolitik zu informieren und aufzuzeigen, dass es sehr wohl Alternativen zu TINA gibt. Zu diesem Zweck gründeten wir den Infobrief gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik.

Wir waren Teil einer internationalen Bewegung, die überall gegen Globalisierung, Liberalisierung und Privatisierung kämpfte und mit Erfolg bei allen Tagungen auftrat, die die Weltbank, die WTO oder auch UN- Organisationen wie die FAO organisierten.Die Protest-Erklärungen (z.B. von Susan George, Vandana Shiva, Martin Khor) und vieler anderer haben wir zusammen mit Informationen über die weltweite Protestbewegungen in unseren Infobriefen abgedruckt. Die ersten Infobriefe handelten von solchen Konferenzen, die wir dokumentierten und kommentierten.

Isabella: Im Hinblick auf die schon angesprochenen Leitthemen dieser Infobriefe, wie würdest du den Infobrief beschreiben hinsichtlich der Adressaten und dem Abonnementfeld. Was war die Absicht, die sich von Infobrief zu Infobrief immer weiter entwickelte neben der Dokumentation?

Maria: Das sagt der Titel schon. Wir wollten die Menschen aufklären und zum Widerstand aufrufen: Z.B. den Begriff „Globalisierung“ verstanden die Menschen kaum. Die Propagandisten der Konzerne machten den Leuten weiß, Globalisierung bedeute, dass nun die Welt „ein großes Dorf“ sei, ein „ebenes Spielfeld“, auf dem alle frei konkurrieren könnten und dass so der Reichtum aller vermehrt würde. Uns war natürlich klar, dass es in einer kapitalistischen Wirtschaft kein „Ebenes Spielfeld“ für alle geben kann, sondern dass die großen Konzerne die kleinen schlicht weg konkurrieren. Die großen Fische fressen die kleinen. Wie es bis heute ja geschieht.

Zu den ersten Adressaten gehörten zunächst sehr viele Studenten. Später, als der Infobrief bekannter wurde, kamen immer mehr Abonnenten hinzu, die sich für diese Fragen interessierten. Der Infobrief verbreitete sich nach dem Schneeballprinzip. Manche druckten ihn ab und schickten ihn an Bekannte weiter. Irgendwann hatten wir etwa 500 AbonnentInnen.

Isabella: Haben die Infobriefe in dem Rahmen auch eine Art Vernetzung bzw. Vernetzungsarbeit gefördert?

Maria: Auf jeden Fall. Die Infobriefe wurden vor allem von Leuten, die selbst aktiv waren, gelesen, abonniert, kopiert und weitergegeben. So entstand schon eine erste Vernetzung. Manche schickten uns auch Beiträge, die sie selbst für wichtig hielten und wir veröffentlichten sie. Einer unserer Leser schenkte uns z.B. wunderbare Karikaturen. Wir bekamen auch Fotos und weitere Infos und Hinweise auf Veranstaltungen zu dem Thema Globalisierung. Unser Netzwerk beschränkte sich jedoch nicht nur auf Deutschland. Durch unsere Teilnahme an vielen internationalen Veranstaltungen waren wir auch mit vielen FreundInnen im Ausland vernetzt. Ihre Beiträge mussten wir allerdings übersetzen oder Freunde übersetzten sie kostenlos für uns. Im Grunde genommen brauchten wir nur das zu sammeln und zu veröffentlichen, was uns „in den Schoß fiel“. Das zeigt, dass das Thema Neoliberalismus und Globalisierung damals überall heiß diskutiert wurde, in den USA, genauso wie in Indien, in Thailand und Malaysia.

Wir waren keine Organisation, kein Verein. Wir waren nur eine kleine Redaktionsgruppe, die wiederum mit anderen Gruppen auf internationaler Ebene vernetzt war. Übersetzt wurde der deutsche Infobrief aber nicht. Wir waren uns aber einig, dass wir uns von keiner Partei instrumentalisieren lassen würden. Wir wollten unabhängig bleiben.

Als wir später nur noch Frauen waren, wurden unsere Beiträge natürlich auch immer feministischer. Uns war daran gelegen, dass auch Frauen begriffen, dass auch sie von der Globalisierung negativ betroffen waren. Z.B. wurden Sozialgesetze, die Frauen besonders schützten abgeschafft oder verändert. Der ganze Bereich der Dienstleistungsbereich wurde durch das GATS (Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen) globalisiert und privatisiert, Bereiche, in denen besonders viele Frauen arbeiteten, zB. in Büros, in der Krankenversorgung, in Schulen und Kindergärten. Für alle die Bereiche war bisher der Staat zuständig, nicht private Konzerne . Dienstleistungen, die privatisiert wurden, oder in der Bildung, der Krankenpflege usw. In Köln organisierten wir 2003 einen internationalen Kongress „Frauen gegen GATS“. (General Agreement on Trade in Services) Ich muss aber auch betonen, dass viele Frauen sich gar nicht um die Globalisierung kümmerten. .Frauen waren aber nicht nur die Opfer der Globalisierung. Manche waren der Meinung, die neoliberale Globalisierung sei doch ein Segen für Frauen. Sie glaubten der Propaganda der Konzerne.

Isabella: Gibt es etwas besonders Charakteristisches der Beiträge der Infobriefe?

Maria: Zum einen bezogen sie sich immer auf brisante Themen, zu denen es kaum Kritik in der Öffentlichkeit gab. Oder wir kritisierten die Politik und die Sprachregelungen, die die eigentlichen Probleme verschleierten. Das war/ist z.B. der Fall in Bezug auf den Begriff „Gender“ oder „Gender-Politik“. Der Begriff „Gender verdunkelt die Tatsache, dass es bei dieser Politik um Frauen geht. Wir veröffentlichten einen Infobrief Der Bluff mit dem Gender- Mainstreaming. Dieser Infobrief lag mir besonders am Herzen.

Die Infobriefe enthielten folgende Rubriken: Information, Kritik , theoretische Analysen, Hinweise auf Widerstansaktionen weltweit und Bekanntgabe von Terminen.Wir berichteten besonders auch über den internationalen Widerstand gegen den Neoliberalismus, denn der war hier kaum bekannt. So weit wie möglich nahmen wir auch an solchen Protestveranstaltungen teil. Wir verstanden uns nicht als ein bloß akademisches Blatt, sondern sahen uns als Teil des internationalen Widerstandes gegen den Neoliberalismus.

Als Beispiel möchte ich hier die Konferenz der World Food Organisation (FAO.) nennen, die 1996 in Rom stattfand. Wir waren in Rom und haben eine große Gegen-Konferenz gemacht. Damals war es noch möglich, dass bei jeder großen UN-Konferenz auch die kritische „Zivilgesellschaft“ zugelassen wurde. Zur Vorbereitung der FAO-Konferenz in Rom gründeten Vandana Shiva und ich das internationale Netzwerk DWD (Diverse Women for Diversity). Uns kam es darauf an, dass bei einer Konferenz, bei der es um Landwirtschaft und Nahrung ging, Frauen unbedingt ihre Stimme erheben mussten, denn Frauen kamen bei solchen internationalen Konferenzen schlicht nicht vor.

Im Namen von DWD organisierten wir in Rom eine Gegenkonferenz unter dem Titel Women, Food and Global Trade. Über solche Konferenzen berichteten wir in den Infobriefen.Im Namen von DWD organisierten wir eine ganze Reihe von Gegenkonferenzen. 1999 waren wir in Seattle dabei, als die WTO durch ihre „Milleniumsrunde“ die neoliberale Handelspolitik endgültig weltweit durchsetzen wollte. 50 000 Menschen, Arbeiter, Studenten, Umweltschützer, Kleinbauern, Menschen aus den sogenannten Entwicklungsländern marschierten durch Seattle und protestierten gegen die „Milleniumsrunde “der WTO. Dieser Protest führte zum Scheitern dieser Runde. Ein riesiger Erfolg ,über den wir natürlich auch in unseren Infobriefen berichteten. Bis heute habe ich keine solch erfolgreiche internationale Bewegung mehr erlebt . In einem Infobrief haben wir ausführlich über diesen Sieg berichtet. 2001 schrieb ich mein Buch: Globalisierung von unten über diese Bewegung.

Wir verstanden jedoch, dass es auf die Dauer nicht reicht, Kritik zu üben und Missstände anzuprangern. Wir machten daher die Frage nach den Alternativen zu der Politik der Globalisierung, Liberalisierung und Privatisierung zu unserem Hauptthema. Ich hatte schon lange vorher mit meinen Freundinnen die Subsistenzperspektive als Alternative zum herrschenden kapitalistisch/patriarchalischen System entwickelt. In zwei unserer Infobriefe haben wir diese Perspektive vorgestellt. Gerade heute in der Krise halte ich diesen Ansatz für die Lösung.

Isabella: Du hast dich über einen sehr langen Zeitraum intensiv damit beschäftigt und in dem Rahmen auch viel Verantwortung getragen. Was bedeuten die Infobriefe für dich ganz persönlich?  Was ist deine persönlich Erinnerung an die Arbeit für und von den Infobriefen? Wie bewertest du das heute mit etwas Abstand?

Maria: Das war für mich eine ganz tolle Erfahrung. Ich habe mich nicht allein verantwortlich für die Infobriefe gefühlt. Das war für mich ganz wichtig. Alle in unserer Redaktionsgruppe waren involviert und engagiert, Beiträge zu suchen oder selbst zu schreiben. Wir fanden meist sehr schnell einen Konsens über das Thema, das wir als nächstes bearbeiten würden. Danach machten sich alle an die Arbeit, suchten nach relevanten Texten und redigierten sie. Wir waren keine Profis, aber wir hatten großen Spaß an dieser Arbeit, die Aktion mit Reflexion und Publikation Verband organisiert werden. Regina schlug das Thema Gentechnik vor. Sie hatte an einer „Feldbefreiungsaktion“ teilgenommen, bei der Genpflanzen einfach ausgerupft wurden. Zu diesem Thema veröffentlichten wir eine Infobrief: „Gen-Food – Nein Danke!“ (Wozu brauchen wir das alles?, Infobrief 17: Gen-Food, Nein Danke!, 2004, pdf 3 Seiten.) Ich war nicht die Chefredakteurin. Ich schrieb allerdings meistens die Editorials.

Für mich selbst waren die Infobriefe wichtig, weil sie mir die Möglichkeit gaben, meine Texte und meine Gedanken zu veröffentlichen, ohne dass ich vorher bei verschiedenen Zeitschriften nachfragen musste, ob sie denn bereit wären, diesen oder jenen Aufsatz zu drucken.

Isabella: Gab es ein offizielles Ende der Infobriefe?

Maria: Nein, nicht wirklich. Als ich krank wurde, haben wir zwar in einem Infobrief informiert, dass wir ihn nicht mehr regelmäßig dreimal jährlich herausbringen könnten, sondern nur noch gelegentlich. Am Ende waren wir nur noch zu dritt: Anneliese Fickentscher, Paula Keller und ich.

Isabella: Deine Beiträge in den Infobriefen können in einzelne Themen gegliedert werden. Kannst du die Kategorien und deren Entwicklung darstellen? Ein Komplex heißt „Frauen“. Dazu gehört Frauenbewegung, Frauenforschung und Landfrauen der Ersten und Dritten Welt. Gibt es einzelne Schlüsselartikel?

Maria: Die Artikel sind nicht nur auf Frauenthemen beschränkt. Frauen spielten aber, wie gesagt, in allen Infobriefen eine wesentliche Rolle. Uns lag besonders daran, dass Frauen über das, was Globalisierung in Wirklichkeit bedeutet, informiert wurden. Denn viele Frauen, auch Feministinnen, verstanden nicht, was Neoliberalismus und Globalisierung mit ihnen selbst zu tun hatten. Um diesen Zusammenhang klar zu machen, machten wir einen Infobrief zu dem Thema: Frauen die letzte Kolonie. (Was haben wir gewollt, was ist daraus geworden?, Infobrief 24: Frauen - die letze Kolonie, 2006, pdf 10 Seiten.)

Er basierte auf dem gleichnamigen Buch, das meine Freundinnen Claudia von Werlhof, Veronika Bennholdt -Thomsen und ich 1982 geschrieben hatten. Auch in den beiden Infobriefen über die Subsistenz-Perspektive kommt das Thema Frauen sehr stark vor. Auch die Themen Frieden, Demokratie, Dritte Welt und Ökologie waren uns wichtig .

Isabella: Innerhalb der Kategorien gibt es immer wieder Schnittstellen, wie z.B. Subsistenz und Anti-Globalisierung. Welche Artikel sind da die wichtigsten für dich?

Maria: Unser roter Faden war immer die Globalisierung, die sich inzwischen weltweit durchgesetzt hat – trotz unseres Widerstandes. wie Landwirtschaft, Nahrung oder Gen-Technik. Alle diese Entwicklungen liefen und laufen nach wie vor unter dem Titel „Globalisierung“, also Privatisierung, Liberalisierung, universale Konkurrenz usw. Von diesem neoliberalen Globalisierungskonzept aus haben wir dann die verschiedensten Themenkomplexe und akute Themen betrachtet. Ich kann nicht sagen, welcher Infobrief mir am wichtigsten ist, vielleicht der: Wie kommt der Krieg in die Köpfe? Das Elend der Universitäten. Bei diesem Infobrief geht es um die weltweit rasant wachsende Industrie der Killerspiele. In diesem Infobrief veröffentlichten wir einen Aufruf, diese Killerspiele zu verbieten.

Isabella: Die Arbeitssäulen der Infobriefe bildeten Information, Analyse, Kritik und Alternativen. Welche Alternativen wurden im Laufe der Infobriefe benannt?

Maria: Für mich war und ist die Subsistenzperspektive die tiefreichendste Alternative zum herrschenden System. Nach dem Ausbruch der neuen Wirtschaftskrisen seit 2008 wird die Frage nach den Alternativen immer brennender. In unseren letzten Infobriefen haben wir uns nicht nur mit den Ursachen dieser Krisen befasst, sondern auch mit den Alternativen zu einem System, das die Menschen, die Natur, ja die ganze Erde den Profitinteressen des Kapitals opfert.

Bei den Infobriefen zu den neuen Finanz-und-Wirtschaftskrisen ging es uns darum, dass die Menschen wieder begreifen dass die Nahrung und alle anderen lebensnotwendigen Dinge nicht aus den Superläden kommen. Auch nicht aus den Banken und dass man Geld nicht essen kann. Wenn die Krise zuschlägt, sind Supermärkte, Kassen und Banken auch leer.

Darum war uns auch das Thema Argentinien so wichtig. 2001 brach dort die ganze Wirtschaft zusammen und die Leute bekamen kein Geld mehr von ihren Banken. Sie fingen dann wieder an sich sich wieder auf eine Selbstversorger-Wirtschaft, also auf die Subsistenz zu besinnen. Die Menschen aus den Städten fragten sich wieder: „Wo kommt denn das Essen her?“ Sie schufen Koalitionen mit den Bauern und tauschten Nahrung und Arbeit untereinander aus. Die Notwendigkeit zwang sie dazu, Alternativen zum Weltmarkt zu entwickeln. Berichte über die Ereignisse veröffentlichten wir in unserem Infobrief: Wir sind alle Argentinier. Ich muss heute oft an Argentinien im Jahre 2001 denken.

Isabella: Wir haben die Idee gehabt einen Teil der Infobriefe in den Internet- Archiven von WLOE e.V. zugänglich zu machen und ein lebendiges Erbe der aktuellen Themen der Infobriefe zu präsentieren. Wir wollen ein positives Signal setzen und Hoffnung geben, anstatt zu sagen, dass die Infobriefe nicht mehr existieren. (online bei www.wloe.org/: Infobriefe gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik: Texte von Maria Mies)

Maria: Was ich heute vor allem für wichtig halte ist, den Menschen die Ursachen für die heutigen Krisen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Alle tun so, als ob diese Finanz- und Wirtschaftskrisen vom Himmel gefallen wären.Dabei sind sie nur das direkte Resultat der Globalisierung, Deregulierung, Privatisierung aller Lebensbereiche. Der Staat solle sich gefälligst aus der Wirtschaft heraus halten, hiess es noch vor etwa 25 Jahren. Heute ist das längst vergessen. Viele Länder, die der TINA -Politik gefolgt sind, sind Bankrott. Die Banken rufen plötzlich wieder nach dem Staat, der sie retten soll. Die Regierungen sollen wieder „regulieren“. Das bedeutet aber nicht, dass die ganze Globalisierungspolitik wieder rückgängig gemacht werden soll. Das bankrotte Griechenland soll z.B. seine Häfen und Inseln privatisieren, d. h. An ausländische Investoren verkaufen. -siehe MAI. Die Menschen müssen sich mehr danach fragen, wie und wann alles gekommen ist, was heute ist und allen Angst macht. Sie müssen auch lernen, dass der Kapitalismus Krisen wie die heutigen braucht, um weiter zu existieren. Hätten sie am Anfang NEIN zu MAI, WTO und GLOBALISIERUNG gesagt, sähe die Welt heute anders aus. Dass das geht, zeigt die Schweiz, sie ist z.B. der WTO und der EU nicht beigetreten.

Wenn wir Hoffnung suchen und angesichts der neuen Katastrophen nicht verzweifeln wollen, dürfen wir nicht länger auf die Politiker, die Wissenschaftler und erst recht nicht auf den Fetisch “Freien Markt“, sprich das Kapital ,warten, das alles wieder in Ordnung bringen sollen und dass wir unser gewohntes Leben weiter führen können. Und dass wir selbst unser Leben, unsere Lebensweise grundsätzlich ändern müssen. Vielen ist das zwar klar, aber sie haben Angst und können sich kein anderes „Gutes Leben“ vorstellen, als das in den Industrieländern. Daran werden wir aber in der Zukunft nicht mehr vorbei kommen. Keins der heutigen Probleme kann durch ohne eine Veränderung unseres Lebensstils gelöst werden.

Isabella: Ein politischer Rahmen für diese Arbeit ist die Rio+20 Konferenz im Juni 2012, die auch eine Gelegenheit zur Erinnerung und Kritik bietet.

Maria: Ich hoffe, dass das dann auch geschieht. Dabei wäre es wichtig, dass die Leute sich noch einmal an die weltweiten Protestbewegungen erinnern, die es von 1990 bis etwa 2005 gab.Heute muss sich die Menschheit endgültig von dem sogenannten Wachstumsbegriff befreien. Er geht davon aus, dass die Wirtschaft immer weiter „wachsen“ muss. Eine Wirtschaft die dauernd „wächst“ zerstört aber die Erde und die Grundlagen des Lebens auf unserem Planeten. Wir brauchen aber eine Bewegung zum Schutz unserer Mutter Erde, nicht noch mehr Autos, mehr Handys, mehr Waffen und mehr Kriege.

Isabella: Deine Arbeit ist auch im Hinblick auf den globalen Norden bzw. Süden sehr wichtig, denn es wird immer gesagt der Süden müsse dahin kommen wo wir sind, Stichwort „Unterentwicklung“.

Maria: Ja, genau das ist geschehen. Länder wie China, Indien und Brasilien haben versucht, dahin zu kommen, wo der reiche Westen heute ist. Die Industriegesellschaft der USA und der EU ist das „Bild der Zukunft“ für diese und alle armen Länder. Bei einer solchen „Utopie“ wird aber vergessen, dass die einen nur reich werden können, wenn sie die anderen berauben, bzw. arm machen. Der Preis für diese „Entwicklung“ ist überall eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die zunehmende Zerstörung der Natur. Nicht nur in Indien und China, sondern auch in den USA und Europa. Der Planet ist begrenzt, das Öl ist begrenzt, alle Ressourcen sind begrenzt.

Außerdem wird immer mehr Leuten, besonders den jungen, klar, dass das Leben, das wir in unseren Industrieländern führen, eben kein „Gutes Leben“ ist. Diese Erkenntnis gibt mir Hoffnung, dass eine wirklich andere Welt möglich ist.

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WLOE e.V., 2011